„Was sich nicht ändert, lebt nicht“

Wo sonst das politische Herz Österreichs pulsiert, herrscht nun die Ruhe vor der Sanierung. Am 28. August übernehmen die Generalplaner das Parlamentsgebäude. Zeit für einen letzten Rundgang.

Der riesige Schlüsselbund, der an Anton Habrichs Gürtel klimpert, sperrt fast jedes Schloss im Parlament. Normalerweise. Denn derzeit gibt es in dem 130 Jahre alten Gebäude am Ring fast keine Schlösser mehr. Die Zylinder wurden bereits in die Ersatzquartiere auf dem Heldenplatz bzw. in der Hofburg transferiert, aus Kostengründen. Dieser Tage finden die letzten Ausräumarbeiten statt. Am 28. August wird das Haus offiziell an den Generalplaner übergeben.

Habrich, seit 30 Jahren Mitarbeiter der Abteilung Bau-und Gebäudemanagement im Parlament, kennt hier jeden Winkel. Er ist „auf Du und Du“ mit dem altehrwürdigen Gemäuer, das er auch liebevoll „Bude“ oder „Hütte“ nennt. Nennen darf, denn „ich verzeihe ihr manche Sachen, sie verzeiht mir manche Sachen. So sind wir ein altes Ehepaar.“ Als Beweis für Habrichs ritterliche Diskretion mag folgende Anekdote dienen: Als vor ein paar Jahren eine Reporterin der „Süddeutschen Zeitung“ zu Besuch war, entleerte sich ein Wolkenbruch über Wien. Habrich entschuldigte sich aufs stille Örtchen und nahm von der Journalistin unbemerkt den Anruf entgegen, es regne durchs Dach.

Dass Renovierungsbedarf besteht, steht außer Frage. Drei Jahre und 352,2 Millionen Euro sind veranschlagt, um das zwischen 1874 und 1883 errichtete, im zweiten Weltkrieg teilweise zerstörte und in den 50er-Jahren nur unzureichend reparierte Gebäude auf den letzten Stand der Dinge zu bringen. Auch sicherheitstechnisch. Ein „Quantensprung“ stehe in dieser Hinsicht bevor, heißt es, aber Details werden nicht bekannt gegeben.

Aschenbecher

Derzeit hat das Parlamentsgebäude etwas von einem Zeitgeschichtemuseum: Alte Festnetztelefone stehen herum, die Stromkabel in den kleinen Besprechungszimmern neben dem Nationalratssitzungssaal sehen aus, als seien sie seit ihrem Einbau nach dem Krieg nicht mehr ausgetauscht worden. Durchaus denkbar, denn die Devise lautete: „Was funktioniert, wird nicht getauscht.“ Andere Überbleibsel längst vergangener Zeit haben schon musealen Status: zum Beispiel die marmornen Wandaschenbecher aus der Monarchie.

Bundesadler

Der Nationalratssitzungssaal, 1945 durch Bombentreffer zerstört und 1956 neu gestaltet, behält seine grundsätzliche Anmutung, wird aber modernisiert. So entstehen eine Glasdecke, die den Blick ins Freie ermöglicht, und eine zusätzliche Zuschauertribüne. Die strapazierten, teils schon mit Klebestreifen notdürftig geklebten Lederfauteuils, in denen Generationen von Parlamentariern den Debatten folgten, werden im Spätherbst im Dorotheum versteigert. Unverändert bleibt nur, man mag das symbolisch deuten, der riesige Bundesadler an der Wand. Er würde sich verziehen, würde man ihn abnehmen. Also genießt er seine Auffrischung in der Luft, so, wie es Adler gerne haben.

Auch Anton Habrichs Kollege Josef Bierbaumer arbeitet schon seit 30 Jahren im Parlament. Er sei ein bisschen wehmütig, gesteht er, weil jetzt alles so leer und verlassen ist. Es sei, wie wenn man ein altes Auto nach 20 Jahren hergibt. „Aber was sich nicht ändert, lebt nicht.“

„News“ Nr. 33/2017 vom 18.08.2017