Ein historischer Tag für das Hohe Haus

 

Zum ersten Mal seit 99 Jahren fand die Nationalratssitzung nicht im Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße statt.

Wien. Es ist ein historischer Moment der österreichischen Demokratie, an dem fast alle der 183 Nationalratsabgeordneten teilhaben. Nur sieben sind laut Verlesung der Nationalratspräsidentin Doris Bures verhindert –sonst sind so gut wie alle Plätze an den hellen, ahornfurnierten Holztischen im Großen Redoutensaal der Hofburg am Josefsplatz besetzt. Ihren Platz dürften die Abgeordneten rasch gefunden haben, schließlich gibt es auch hier im Ausweichquartier die gewohnte Sitzordnung des Parlaments.

Es ist die erste Nationalratssitzung seit der Gründung der Republik vor 99 Jahren, die außerhalb des Parlamentsgebäudes stattfindet. Viele weitere werden bis zur geplanten Finalisierung der Renovierung des von Theophil Hansens errichteten Gebäudes in frühestens drei Jahren folgen. Vor den Wahlen und mit dieser Besetzung ist es allerdings nur mehr eine von dreien –und sie dürfte bis in die späten Abendstunden dauern.

Doris Bures nahm den Start der Premiere, die „Zäsur“, am frühen Vormittag jedenfalls zum Anlass, „etwas zu tun, was sonst nicht so üblich ist“: Sie blickte zu den Anfängen des Parlamentarismus und auf die Geschichte des Gebäudes zurück, bevor es mit dem eigentlichen dichten Plenarprogramm losging.

Brandheiße Geschichte

An diesem Ort werden künftig nicht nur Brandreden und hitzige Diskussion geführt. Auch in der Vergangenheit ging es bereits heiß her –und zwar im tatsächlichen Wortsinn. Zweimal wäre der nunmehrige Plenarsaal fast für immer ausgelöscht worden. 1631 als Tanzsaal errichtet, ging er 1699 zum ersten Mal in Flammen auf. Nach dem Wiederaufbau hatte Beethovens 8. Symphonie hier ihre Uraufführung. Historisch auch die weltpolitischen Ereignisse, die nachdem Zweiten Weltkrieg im nunmehrigen Kongresszentrum stattfanden: Zum Beispiel unterzeichneten hier Jimmy Carter und Leonid Breschnjew 1972 den Salt-2-Abrüstungsvertrag.

Am 27. November 1992 um 2.01 Uhr nachts dann die Meldung: Brand im Redoutensaal. Schon um 4 Uhr war klar, es werde ein Großbrand, der den Saal komplett zerstörte. Noch eine Woche später hieß es: In der Hofburg „raucht’s noch immer“. Fünf Jahre dauerte der Wiederaufbau, Doris Bures verwies auf die gelb-orange-blauen Gemälde von Josef Mikl an Wänden und Decke heute. Das Deckengemälde hatte übrigens ein Gedicht von Karl Kraus als Grundlage.

Kunstkritiker Kristian Sotriffer unterstellte diesen in den 1990ern noch einen „Mangel an Leichtigkeit“, „Starrheiten und Stockungen“. Heute bemühte sich Architektin Bettina Bauer-Hammerschmidt, die für die Ausweichquartiere verantwortlich war, sie bei der Adaptierung des Saals mit Galerien für Publikum und Presse möglichst sichtbar zu erhalten.

Der Widerspenstigen Zähmung

SPÖ-Abgeordnete Ulrike Königsberger-Ludwig hielt die Szenerie genauso wie ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka mit dem Handy fest –vielleicht für die Ewigkeit oder doch nur für die „sozialen“ Medien. Lopatka entschied sich dann doch nicht für Mikls Bilder, sondern dafür, ein Selfie mit zufriedenem Lächeln aus dem Redoutensaal zu twittern.

SPÖ-Abgeordnete Gabriele Heinisch-Hosek nutzte die neu eingerichteten Partei-Besprechungszimmer gleich am ersten Tag, um ÖVP-Abgeordnete Brigitte Jank wie viele andere Abgeordnete auch zwischendurch beim Premieren-Kaffee anzutreffen. Medienvertreter wurden von manchen Ordnern auf die Medien-Galerie im zweiten Stock verbannt, eine Kollegin verließ die Premiere deshalb erbost. Andere wiederum zeichneten im als interviewfreie Zone geplanten Kleinen Redoutensaal Interviews auf. „Bei Premieren läuft meist nicht alles in Perfektion, das wird sich bessern“, heißt es aus dem Präsidentinnenbüro. „Journalisten auszusperren ist jedenfalls nicht geplant gewesen.“

Bauer-Hammerschmidt freute sich darüber, dass Ton und Beleuchtung bei der Premiere das hielten, was sie bei der Generalprobe mit Parlamentsmitarbeitern versprachen: „Auch wenn es schon etwas anders ist, wenn dann der echte Kanzler spricht.“ Der war übrigens auch gleich bei Bures anwesend, genauso wie die SPÖ-Regierungsmitglieder, anders aber als jene der ÖVP. Man geht offenbar schon vor den Wahlen am 15. Oktober auch im Nationalrat einmal durchaus getrennte Wege .

„Wiener Zeitung“ Nr. 184 vom 21.09.2017