Zur Sanierung des Parlaments

András Pálffy
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Das Parlament war in dem ursprünglichen Grundplan der Stadterweiterung von 1859 nicht vorgesehen, wurde jedoch mit der Verfassung von 1860, das ein Herren- und ein Abgeordnetenhaus vorsieht, als zusätzliche Bauaufgabe aktuell. In der Folge wurde der dänische Architekt Theophil Hansen 1874 mit der Planung des Parlamentes direkt beauftragt. Die Beispiele zu diesem neuen Gebäudetyp sind rar, und damit steht Hansen auch vor der exemplarischen Aufgabe, die Anforderungen an Plenum und Verwaltung nach seinen Gesichtspunkten in eine räumliche Beziehung zu setzen.

Die formale Analogie zu einer Vorstellung von Demokratie wird mit den klassischen architektonischen Formen der griechischen Antike hergestellt. Unter der eklektizistischen Hülle verbirgt sich eine funktional klar gelöste Anordnung von Nutzungsbereichen, die perfekt kontrollierte, linear ausgerichtete Raumfolgen zum Inhalt haben.

Nicht nur diese einzelnen Funktionsbereiche finden sich wieder in einer übergeordneten orthogonalen Grundstruktur, sondern auch sämtliche Hof- und Hohlräume, die der Haustechnik des Parlamentes vorbehalten sind. Theophil Hansen orientiert sich auch an den Errungenschaften der industriellen Revolution, die er ohne Berührungsängste in seine Architektur integriert. Das Spektrum reicht von weitgespannten Stahlfachwerken, die Oberlichtverglasungen aufnehmen, bis zu einer komplexen Haustechnik, die für die Raumkonditionierung verantwortlich zeichnet. Unter einer historischen Hülle bildet sich zur Versorgung des Gebäudes mit konditionierten Luft- und Lichtverhältnissen in aller Konsequenz eine Maschine ab, die weniger in die Antike als an den Aufbruch in die Moderne verweist.

Im Atelier Hansens arbeitete unter anderem auch Otto Wagner, der in der Folge dieses konstruktive Wissen mit seiner Architektur aus dem Historismus in die Anfänge der Moderne übertragen und weiterentwickeln wird.

1945 werden mit einem Bombenschaden Teile des Parlamentes zerstört. Vor allem ist das Herrenhaus von dieser Tatsache betroffen. Für den folgenden Umbau verantwortlich zeichnen die Architekten Fellerer und Wörle. Sie folgen den ursprünglichen, von Hansen vorgegebenen räumlichen Konturen, beziehen sich in ihrer Architektur jedoch auf eine Formensprache der Moderne, die mit wenigen Materialien ein Bild der Einfachheit, Helligkeit, liefert und so für eine Arbeitsatmosphäre verantwortlich wird, die durchaus im Gegensatz zu der imperialen Polychromie des Hauses zu lesen ist. Pathos und Monumentalität werden an dieser Stelle durch eine freundliche Stimmung ersetzt. Diese räumliche Tatsache ist aber auch als Ausdruck eines neuen Demokratie- und Zeitverständnisses zu verstehen.

Als Ergebnis eines Verfahrens wurden wir 2014 mit der Sanierung und räumlichen Erweiterung des Parlaments beauftragt. Anlass für das Verfahren war der Wunsch, für die Öffentlichkeit umfangreichere Informationsflächen im Parlament zu schaffen, aber auch eine Erweiterung für die parlamentarischen Arbeitsflächen anbieten zu können. Die Instandsetzung des Gebäudes begründet sich zum einem in einer allfälligen Abnutzung von Materialien, zum anderen in den partiellen, räumlichen Überformungen des Bestandes, die in ihrer aktuellen Vielzahl einem dem Haus angemessenem Standard zugeführt werden sollen.

Der Denkmalschutz ist mit wenigen Ausnahmen im gesamten Gebäude gültig und entsprechend für die Planung von Bedeutung.

Die Planung orientiert sich entlang der Logik des architektonischen Konzeptes von Theophil Hansen und besetzt mit den neuen baulichen Eingriffen vor allem die architektonischen Leerstellen der historischen Baustruktur. Der Entwurf verfolgt die Absicht, mit den baulichen Mitteln der Gegenwart die bestehende Architektur Hansens in ihrer räumlichen Struktur fort- und nicht umzuschreiben.

Diese architektonischen Eingriffe werden vor allem in drei Ebenen eingelöst, die dem Wunsch nach der Öffnung des Hauses für ein größeres Publikum Rechnung tragen.

Der zentrale Eingang vom Ring aus wird in das Innere des Gebäudes mit einem großen Besuchsfoyer erweitert, das direkt unterhalb der Säulenhalle, in ehemaligen Nebenräumen, angeordnet wird.

Das neue Besuchsfoyer wird zum Ausgangspunkt für jeden Parlamentsbesuch und bietet den BesucherInnen ein umfangreiches Informationsangebot. Es schafft einen Ort der Ankunft, der Auskunft, der Versammlung und der Interaktion. Dieser Ort wird mit einem Informationsband zum Verlauf der österreichischen parlamentarischen Geschichte in den Seitenschiffen umschlossen.

Dem Foyer sind alle öffentlich zugänglichen Bereiche zugeordnet. Dazu zählen zwei neue, unmittelbar angrenzende Säle, die Wechselausstellungen aufnehmen sollen.

Unterhalb der symmetrisch angeordneten Plenarsäle werden die beiden neuen Ausschusslokale angeordnet, die so auch direkt aus dem Foyer öffentlich zugänglich werden. Entlang dieser Verbindung sind vier neue Treppenhäuser gelegen, die zum einen die Funktion der zusätzlichen Fluchttreppenhäuser übernehmen und zum anderen eine direkte Verbindung zu den weiteren Publikumsebenen zwischen Erd- und Dachgeschoss herstellen.

Die vier neuen Haupttreppen stehen nicht im Verbund mit dem historischen Bestand, und werden gleichsam Tischen frei in die Innenhöfe gestellt. Zwischen jeweils zwei Treppen wird im obersten Geschoß ein weiterer Saal eingespannt. Die zur Umgebung offenen Treppenläufe sollen, von Tageslicht begleitet, ein abwechslungsreiches, räumliches Erlebnis anbieten, das wiederum von einer klaren Differenzierung zwischen Bestand und Ergänzung bestimmt wird.

Der obere Abschluss der Treppen endet im Foyer vor den neuen Veranstaltungsräumen und den ihnen unmittelbar vorgelagerten Terrassen. Von diesem Standort aus lenkt der Blick die Aufmerksamkeit nicht nur auf die historische Architektur des Hauses, sondern auch über die Dachlandschaft der Stadt. An dieser Stelle beginnt ein Rundgang, der den Weg in die Räume des neuen Restaurants und in das Oberlicht des Bundesversammlungssaal anbietet, aber auch in einem Umgang entlang des Nationalratssitzungssaal führt und damit einen Einblick in das parlamentarische Leben eröffnet.

Im Nationalratssitzungssaal erlaubt der Denkmalschutz eine Modifizierung der Arbeitsplätze im Sinne eines ergometrischen Standards, wie auch gegenüber der heutigen Notwendigkeit nach Barrierefreiheit. Die räumliche Erscheinung des Nationalratssitzungssaales bleibt mit den baulichen Änderungen aber seinem Wesen nach erhalten.

Einen wesentlichen Eingriff stellt die Änderung des oberen räumlichen Abschlusses des Nationalratssitzungssaales dar. Mit dem Entfall der Lichtzwischendecke wird durch das neue Glasdach der Blick in den Himmel frei gegeben. Die Nachvollziehbarkeit von Tagesverlauf und Witterung wird damit für die Wahrnehmung ermöglicht.

Die Bestandsräume werden, sofern erforderlich, auf die ursprünglichen Raumzuschnitte zurückgeführt, mit der konsequenten Entfernung von Einbauten späteren Datums. Mit dieser Freilegung wird nicht nur die Baugeschichte des Hauses lesbar, sondern vor allem eine nachhaltige Instandsetzung der Räume wieder möglich.

Architektur verändert sich nicht nur durch Alterung oder Umbau sondern, noch viel gravierender und schneller, durch Wahrnehmung und Bewertung. Zahlreiche Projekte unseres Büros setzen sich im Umgang mit historischen Bauten gerade mit dieser Fragestellung auseinander.

Die ausgeprägte Referenz zum Umfeld wird damit auch zur wesentlichen Grundlage des architektonischen Handelns, das sich so in klar definierte Existenzen einfügt und erst innerhalb dieser Tatsache mit all ihren Reibungsflächen und Widerständen seine Bedeutung erfährt.

Die Tradition der Auseinandersetzung zwischen Kontext und Veränderung ist mit der Moderne und ihrer klaren Blickrichtung auf das Neue – und damit auch auf eine radikale Form der Veränderung – zunehmend ausgeblendet worden.

Die Geschichte kennt in der Folge eher ein stilles Nebeneinander von kontrastierendem Eingriff und restauriertem Bestand, der, einbalsamiert und versiegelt, durchaus Assoziierungen an eine Botoxarchitektur auslösen kann.

Die Polarisierung widersprüchlicher Existenzen verweist dabei auf die Notwendigkeit, Ansprüche an eine historische mit solchen an eine ästhetische Wahrheit zu verhandeln.

Eine Tatsache kristallisiert sich in dieser Aufgabenstellung sehr deutlich heraus, eine radikale Freiheit, die nicht nur erlaubt das Neue anzuordnen, sondern auch das Alte weiterzubauen.

Bedeutungen so auf einen klaren Nenner und gleichzeitig deren räumliche Qualitäten zur Entfaltung bringen zu können ist ein Aspekt, der für uns zum Ausgangspunkt wird, um typologisch klare, jedoch hochspezifische Lösungen innerhalb eines Kontextes anzustreben und zu erarbeiten.

Auf dieser Grundlage verdichten sich Programm, räumliche Qualität und konstruktive Logik zu einer Sprache, die auch in gänzlich unterschiedlichen Aufgaben konsequent eingesetzt werden kann.

domus 996, 11-2015, p. 42-45