Interview

„Außerordentliche Herausforderung, die Freude macht“

Im August 2014 wurde die Bietergemeinschaft Jabornegg & Pálffy_AXIS als Generalplaner für die Parlamentssanierung bestellt. Christian Jabornegg, András Pálffy und Ortfried Friedreich zum Selbstverständnis ihrer Arbeit, was die Planung für sie bedeutet und welches Gebäude die NutzerInnen nach der Sanierung im Jahr 2020 erwartet.

Ende August 2014 hat Ihre Bietergemeinschaft den Zuschlag für die Generalplanerleistungen zur Parlamentssanierung erhalten. Welchen Stellenwert hat diese Aufgabe für Sie als international ausgezeichnete Architekten und als erfahrener Zivilingenieur?

Pálffy: Es ist eine außerordentliche Aufgabe, die in diesem Zuschnitt und diesem Format außergewöhnlich ist und auch bleiben wird. Diese große Herausforderung bereitet uns aber auch eine große Freude.

Jabornegg: Natürlich war für uns auch die Zusammenstellung des Teams ein ganz wesentlicher Faktor. Wir haben mit dem Büro AXIS jemanden gefunden, von dem wir uns bestens verstanden fühlen, damit auch unsere Ansätze entsprechend umgesetzt werden können.

Friedreich: Für AXIS Ingenieurleistungen ist es insofern eine große Herausforderung, als wir die Chance haben, im Zuge der Parlamentssanierung Aspekte des heutigen und zukünftigen Bauens in einem traditionellen Altbau umzusetzen und zu zeigen, wo die Grenzen, wo aber auch die Möglichkeiten für die Zukunft liegen. Damit meine ich Optionen wie Energieminimierung oder Ressourcenschonung und innovative Ingenieurmethoden, was den Brandschutz und die Erdbebensicherheit betrifft.

Generalplaner-Team neben Querschnittmodell stehend

Die Generalplaner vor dem Querschnittmodell des künftigen Parlamentsgebäudes (v.li.): Architekt András Pálffy, Ziviltechniker Ortfried Friedreich und Architekt Christian Jabornegg. © Parlamentsdirektion / Zolles / Steiger

1988 hat Jabornegg & Pálffy ihr gemeinsames Büro in Wien gegründet. Das sind nun bereits mehr als 25 Jahre Erfolgsgeschichte. Warum sind Sie ein so gutes Team?

Pálffy: Das ist das gleiche Interesse natürlich, das in bestimmten Handlungsfeldern unseres Berufes sehr ausgeprägt ist. Ich glaube, es liegt auch in der Selbstverständlichkeit unserer Zusammenarbeit, die sich nun bereits über einen größeren Zeitraum erstreckt.

Jabornegg: Wir haben uns das grundsätzliche Verständnis, wie mit Aufgaben umzugehen ist, gemeinsam erarbeitet. Das bedeutet, dass wir gemeinsam einen Weg gesucht haben, wie wir bestimmte Aufgaben lösen können. Sei es in einem historischen Kontext oder möglicherweise auf der sogenannten grünen Wiese. Wir machen es eigentlich genauso wie Archäologen. Wir legen zuerst die wesentlichen Dinge – wie den historischen Bestand – frei und dann beginnen wir erst mit unseren Überlegungen und Operationen.

Würden Sie so auch Ihre architektonische Handschrift beschreiben? Was ist eigentlich typisch Jabornegg & Pálffy?

Pálffy: Unsere Aufgaben haben immer besondere Ausgangsbedingungen, die meist von hochkomplexen Anforderungen bestimmt sind. Und für diese gibt es von uns immer sehr spezifische Antworten, die aber in sich typologisch klar sind. Daraus entwickelte sich auch so etwas wie eine Handschrift, die sich durch unser Büro seit dem Jahr 1988 zieht und unsere Arbeitsweise sehr deutlich abbildet. Diese Arbeitsweise ist dadurch eigenständig, sie definiert sich durch Eingriffe und nicht durch Tendenzen, die in der Architektur mitunter alle zehn Jahre auftauchen, aber genauso schnell wieder verschwinden. Dagegen sind wir relativ immun.

Sie haben in Ihrer Arbeit also nicht den Anspruch, en vogue zu sein?

Jabornegg: Es geht sogar noch eine Spur weiter. Es gibt eine klare Aussage des Schweizer Künstlers Paul Klee, die sagt: Architektur macht sichtbar. Das war für uns auch immer eine Bestätigung dessen, wie wir selbst mit Architektur umgehen. Das heißt, die Eingriffe, die wir machen, sind explizit, klar definiert und lesbar als Eingriffe dargestellt. Gleichzeitig geht es aber auch darum, dass wir den historischen Bestand lesbar und sichtbar machen. Mit den Eingriffen, die wir machen, wollen wir eigentlich beides erledigen.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie das erste Mal im österreichischen Parlament gewesen sind und welche Eindrücke Sie dabei gewonnen haben?

Friedreich: Das weiß ich noch relativ gut. Das erste Mal, als ich im Parlament war, war irgendwann 1996 in meiner Funktion als Bundeskammerpräsident der Architekten und Ingenieurkonsulenten. Für mich war es ein finsteres Gebäude, wo in einzelnen Teilbereichen ein wenig Modernität zu finden war. Und ansonsten war es ein ziemlich leeres Haus zu diesem Zeitpunkt.

Jabornegg: Als ich das erste Mal im Parlament war, war ich noch ein kleiner Bub aus Oberösterreich. Die Schule hat uns nach Wien geführt und gesagt, dass wir uns auch das Parlament ansehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine sinnvolle und gute Maßnahme von Schulen ist. Damals war ich extrem eingeschüchtert, als ich da auf der Besuchergalerie stand. Ich bin dort gestanden und habe mir gedacht, dass das so sein muss. Aber jetzt, wo wir die Möglichkeit haben, für genau solche SchülerInnen, wie ich es damals war, etwas zu verbessern, werden wir das auch tun.

Am 1. Oktober 2014 haben Sie Ihre Arbeit für das Sanierungsprojekt aufgenommen, im Frühjahr 2016 soll der Entwurf fertig sein. Erzählen Sie bitte von Ihrer übergeordneten Idee zur Parlamentssanierung.

Pálffy: Grundsätzlich sind die Eingriffe, die wir neben der umfassenden Instandsetzung des Gebäudes machen, architektonisch so beschreibbar, dass sie nicht den Bestand überformen und eigenständige Eingriffe sind, die die bestehende Struktur von Theophil Hansen weiterschreiben. Das Zweite ist der Anspruch, Arbeitsplätze zu erweitern und mehr Flächen für die Öffentlichkeit anzubieten. Beides machen wir. Wir wollen auch den Publikumseingang erweitern. Darüber hinaus werden in der Dachtopografie neue Räume angeordnet, wie auch ein Rundgang, der einen Einblick in den Nationalratssitzungssaal bietet, ohne auch diesen in seinem Betrieb, in seiner Arbeit zu stören. Und es gibt am Dach auch noch eine Form der Gastronomie. Darüber hinaus wird das Programm um Büroflächen und natürlich auch um Räumlichkeiten für Untersuchungsausschüsse erweitert. Gleichzeitig soll eine Modernisierung stattfinden, von der wir ausgehen, dass sie den Ansprüchen, die im Jahr 2020 und darüber hinaus bestehen, gerecht werden. Das alles in einer Sprache der Gegenwart, mit den Mitteln der Gegenwart, die sich harmonisch zur Geschichte des Gebäudes fügen sollen.

Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag des Generalplaner-Teams für die Sanierung des Parlamentsgebäudes vorstellen?

Friedreich: Der typische Arbeitstag des Generalplaner-Teams unterscheidet sich nicht von einem typischen Arbeitstag eines anderen Planers. Wir versuchen als Generalplaner-Team immer, die Gesamtsicht zu wahren und die Gesamtaufgabe nicht durch Details zu verwässern. Dieser Ansatz hat uns auch als Team zusammengeschweißt. Es gibt natürlich im Büro bestimmte Leute, die sich Spezialthemen widmen, die dann in den Besprechungen zusammenfließen. Das heißt also, dass der Dialog sehr wichtig ist. Wir haben als Generalplaner ein wöchentliches internes Generalplaner-Jour fixe mit einem bestimmten Themenfokus und ein Planungs-Jour fixe mit dem Auftraggeber. Außerdem gibt es alle vierzehn Tage eine Planungskoordinationssitzung.

Wenn Sie an das Parlamentsgebäude nach der Sanierung im Jahr 2020 denken, welche drei Eigenschaften fallen Ihnen dabei ein?

Friedreich: Das Parlamentsgebäude wird offener für alle sein. Für die ParlamentarierInnen, die MitarbeiterInnen, genauso wie für die Gäste und BesucherInnen. Es wird eine dem Stand der Technik entsprechende Sicherheitssituation geben. Und es wird ganz einfach auch transparenter und heller sein. Dieses Arbeitsparlament wird in Zukunft auch für jeden Österreicher und jeden Wien-Gast interessant sein, es zu besuchen.

Welches Haus erwartet diejenigen, die Tag täglich darin arbeiten? Nämlich die MitarbeiterInnen der Parlamentsdirektion und der Klubs?

Pálffy: Das ist ein Haus mit einem erweiterten räumlichen Angebot und neuen Funktionen, was natürlich auch für die Bedingungen am Arbeitsplatz vorteilhaft ist. Das Haus wird einfach entstaubt. Es wird freundlicher, es wird heller, es wird ein Ambiente haben, in dem man sich gerne den ganzen Tag aufhält, und das vielleicht etwas an seiner Schwere verliert. Das alles wird sich auch in zusätzlichen Serviceleistungen für die MitarbeiterInnen des Parlaments niederschlagen. So, wie das in jeder anderen größeren Betriebsstruktur der Fall ist oder sein sollte.

Jabornegg: All die Eingriffe sind so konzipiert, dass sie auch der Orientierung Hilfestellung leisten. Wir hatten beim erstmaligen Besichtigen das Gefühl, dass wir langsam orientierungslos werden. Wir wollen eine Orientierung schaffen für die MitarbeiterInnen und die Personen im Haus.

Friedreich: Vielleicht dazu ergänzend: Hansen hat kein Bürogebäude konzipiert, sondern ein Repräsentations- und ein Volksvertretungsgebäude, in das im Laufe der Zeit Büroräume integriert wurden. Heute gibt es eine große Diskussion darüber, wie das zukünftige Büro auszusehen hat. Unsere Aufgabe wird sein, für die ParlamentsmitarbeiterInnen ein modernes Büro mit zukunftsweisenden Funktionen zu schaffen.

Der österreichische Kommissär für die diesjährige Architekturbiennale in Venedig Christian Kühn hat vor kurzem in einem Radiointerview gesagt: „Ich glaube, dass ein Parlamentsgebäude sowohl der Geschichte verpflichtet ist, als auch der Utopie.“ Würden Sie dieser Aussage Kühns zustimmen?

Pálffy: Ich würde sagen, dass er grundsätzlich recht hat. Nur ist die Architektur wohl mehr der Zukunft verpflichtet, als der Utopie. Vielleicht ist ein geschärfter Blick in die Zukunft gleichzusetzen mit einer konkreten Utopie in dem Sinne, wie es Kühn sagt. Eine Utopie ist immer etwas, was man vorher postulieren muss. Und das kann man nur mit einem geschärften Blick in die Zukunft.

Jabornegg: Das würde ich genau so sehen, wobei ein Parlamentsgebäude auch der Geschichte verpflichtet ist, die ja immer Veränderung bedeutet. Die Stadt lebt von der Veränderung, deswegen ist sie urbane Stadt geworden. Dasselbe gilt auch für das Parlament. Das Parlament lebt auch von der Veränderung der demokratischen Vorgänge. Und es muss zukunftsoffen sein. Was davon Utopie ist oder reale Zukunftsnotwendigkeit, das können wir nicht bestimmen. Jetzt bei der Sanierung geht es darum, im Gebäude das Zukünftige richtig hineinzuinterpretieren.

Friedreich: Es ist unsere Aufgabe, das Gebäude nachhaltig zu gestalten. Da geht es primär nicht nur um die Nachhaltigkeit des Gebauten, sondern auch um die Nachhaltigkeit der möglichen Funktionen. Wir wissen alle nicht, was die nächste und übernächste Politikergeneration für Vorstellungen hat und schon gar nicht, wie die Bevölkerungsstruktur in 50 Jahren aussehen wird, welche Ansprüche die Gesellschaft hat, wie die Wertehaltung aussieht. Die Wertvorstellungen einer Gesellschaft ändern sich im 10-bis-15-Jahre-Rhythmus. Darin liegt auch eine der Schwierigkeiten, denn das neue Parlamentsgebäude muss auch alle Zeitveränderungen vorwegnehmen können.

Interview: Mag.a Katrin Egger