Das Parlament ist eine Großbaustelle

Das Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße ist der Brennpunkt der österreichischen Politik und ein Besuchermagnet. Jetzt wird das 135 Jahre alte Hohe Haus von Grund auf saniert. Ein Baustellenrundgang.
Wien. Auf dem gelben Helm steht „Brigitte“. Brigitte ist eine von 120 Bauarbeiterinnen und Bauarbeitern, die auf der derzeit wohl prominentesten Baustelle Österreichs arbeiten: im Parlament. In den kommenden drei Jahren soll das 135 Jahre alte Prachtgebäude an der Wiener Ringstraße komplett saniert und technisch auf den neuesten Stand gebracht werden.
Das ist auch dringend notwendig. Warum, das sieht man bei einem Baustellenrundgang. Zum Beispiel in dem niedrigen, höhlenartigen Raum direkt unter dem Plenarsaal. Die Decke des Raums gleicht einem Trichter, denn direkt darüber befanden sich bisher die ansteigenden Bankreihen der Abgeordneten. In der Trichterdecke stecken alle paar Meter kleine Blechkästen mit einem händisch zu bedienenden Schieber. Das war die Lüftungsanlage des Nationalratssitzungssaals: Frische Luft wurde von außen in den höhlenartigen Raum angesaugt und dann durch die Blechkästen in den Plenarsaal gedrückt.
„Im 19. Jahrhundert war diese Druckbodenlüftung eine Sensation“, erzählt Architekt Hermann Schnell, der für die Parlamentsdirektion die Umbauarbeiten begleitet. Zuletzt stöhnten aber alle Abgeordneten und Besucher unter dem oft unerträglichen Treibhausklima im Plenarsaal. Nun bekommt er eine Lüftung auf dem modernsten Stand der Technik. Auch der Plenarsaal selbst soll künftig alle Stückeln spielen. Die Bankreihen können umgesteckt werden, was bedeutet: Für jede Partei kann ein eigenes, abgetrenntes Segment an Sitzen hergestellt werden. Auch eine elektronische Abstimmungsanlage soll kommen.
Und: Die ansteigenden Bankreihen werden flacher angeordnet als bisher. Das sei psychologisch wichtig, sagt der Architekt. Denn ein steil ansteigender Saal habe den Charakter einer Arena. Ein sanft ansteigender Saal wirke dagegen viel weniger aggressiv. – Sein Wort in der Abgeordneten Ohr …
Vorläufig ist das alles noch Zukunftsmusik. Aktuell sieht der Plenarsaal – Ort unzähliger politischer Redeschlachten – recht öd und leer aus. Der große Bundesadler an der Wand wird gerade demontiert, die Möbel sind schon weg. Bauarbeiter errichten im Saal soeben ein schwindelerregend hohes Baugerüst. Im Mai wird mit den echten Bauarbeiten begonnen, bis zu 1000 Arbeiter werden dann auf der Baustelle tätig sein. Aktuell steht schon ein 85 Meter hoher Kran auf dem prominenten Baugelände, drei weitere sollen folgen.
Brennpunkt der Arbeiten ist der Nationalratssitzungssaal. Neben der inneren Umgestaltung bekommt er ein neues, kuppelartiges Glasdach, das sich automatisch dem Sonnenstand anpasst und von einem Roboter geputzt wird. Unter dem Dach wird eine Galerie angebracht, von der aus die Besucher in den Saal hinunterschauen können. Wie im deutschen Bundestag. Unter dem Plenarsaal, im derzeitigen Lüftungsraum, soll ein Sitzungssaal für Untersuchungsausschüsse eingerichtet werden.
Unverändert bleibt die berühmte Säulenhalle des Parlaments mit den Säulen aus Adneter Marmor. Momentan sieht die Halle freilich aus wie eine Rumpelkammer. Sie ist vollgestellt mit Büromöbeln aus den bereits geräumten Sitzungszimmern. Unter der weitläufigen Säulenhalle soll das neue Besucherzentrum entstehen, darüber – auf dem Dach – ein Besucherrestaurant.
An den Wänden wurden bereits Probe-Restaurierungen vorgenommen. Der Marmor wird gesäubert, seine Patina soll aber erhalten bleiben. „Das Parlament soll ja nicht aussehen wie ein Hotel in Dubai“, scherzt der Architekt.
In der Vorhalle der großen Säulenhalle werden gerade große Luster zerlegt und ihre Einzelteile sorgsam verpackt. Das große Tor zur Parlamentsrampe steht offen, davor sieht man die riesige Pallas Athene mit ihrem in der Sonne glänzenden Goldhelm. Die Statue und der Pallas-Athene-Brunnen wurden bereits in einer früheren Renovierungsphase erneuert, ebenso die acht Bronze-Quadrigen auf dem Parlamentsdach.
Die jetzige, abschließende Bauphase soll 2021 abgeschlossen sein. Dann wird das Parlament von seinem Ausweichquartier in der Hofburg zurück an den Ring übersiedeln können. Der Kostenrahmen beträgt 352 Millionen Euro, eine Überschreitung ist politisch ausgeschlossen. Und das ist ein Problem. Denn wegen der guten Baukonjunktur sind die Preise für Bauarbeiten in Wien in den letzten zwei Jahren um 30 Prozent gestiegen. Daher mussten schon einige Abstriche von den ursprünglichen Plänen gemacht werden.
Dennoch ist die Dimension der Baustelle gewaltig: In den nächsten drei Jahren werden im Parlament eine Million Meter Kabel neu verlegt, 750 Fenster saniert, 500 Luster aufpoliert, 600 Türen hergerichtet und 12.000 Quadratmeter Parkettboden verlegt. Insgesamt wird eine Fläche von 55.000 Quadratmetern saniert. Jede Menge Arbeit also noch für Brigitte und ihre Kollegen.
Salzburger Nachrichten/Alexander Purger 20.04.2018