Das Hohe Haus teilt sich auf

5700 Kartons, 1500 Schränke und 714 Arbeitsplätze: Die Übersiedelung des Parlaments in mehrere Quartiere ist ein logistischer Riesenaufwand. Auch die Parlamentsbibliothekmuss der Baustelle weichen.

Könnten Bücher kichern, heute würden sie es tun. Ein Speditionsmitarbeiter steht auf der Galerie im Lesesaal der Parlamentsbibliothek und schlichtet ein Buch nach dem anderen in eine graue Plastikbox. Dann geht es los: Die Kiste gleitet auf einer Holzrutsche vom Balkongeländer in die Arme eines Mitarbeiters der Spedition Lang. Mit einem Rumms stellt er sie auf ein Rollwagerl.

Seit 134 Jahren stehen Parlamentsschriften, Gesetzestexte und grundlegende Werke zu Demokratie in der Parlamentsbibliothek im historischen Gebäude. An diesem Tag wird gesiedelt. Ein Drittel der Holzregale ist bereits leer. Schreibtische, Sessel und Computer sind ausgeräumt, nur mehr der Empfangstisch steht im Raum. „Hier ist ordentlich was los“, sagt Elisabeth Dietrich-Schulz.

Die 61-jährige Direktorin der Bibliothek beobachtet die Bücherrutsche vom Eingang des Saals aus. Seit 1992 leitet sie die Bibliothek, heute trägt sie einen bunten, mit Blumen bedruckten Rock und eine Jeansjacke über einem weißen T-Shirt. Dietrich-Schulz drängt darauf, gleich auch ihren neuen Arbeitsplatz zu besuchen. „Das sollten Sie gesehen haben, das wird sehr schön.“

700 Schreibtische

Der Lesesaal der Bibliothek gehört zu Tranche fünf der Parlamentsübersiedlung. Hunderte Bücher müssen eingepackt und wieder in die richtigen Regale geräumt werden. In insgesamt sieben Tranchen wird das Parlament mit rund 700 Schreibtischen, 1400 Schränken, 200 Pulten, 70 Sitzbänken, 70 Regalen und über 2500 Sesseln, Sitzreihen, Fauteuils und Hockern übersiedelt. Hauptsächlich ist das an den Wochenenden passiert, um den laufenden Betrieb nicht zu stören. Von kommendem Dienstag bis Donnerstag ist die FPÖ als Letztes dran. Der gesamte Klub zieht in die Reichsratsstraße, wo die Freiheitlichen bereits jetzt eigene Räume haben.

Das Parlament wird während der Generalsanierung geräumt, die Mitarbeiter und Abgeordneten ziehen in Übergangsquartiere. Laut der Parlamentsdirektion hätte das Gebäude in absehbarer Zeit die behördliche Betriebsbewilligung verloren. Vor allem das Dach macht Probleme: 2009 hat es über Nacht auf die Sitze von grünen Abgeordneten geregnet, so mancher Sessel ist während der Nationalratssitzung zusammengebrochen, und das lag nicht am Gewicht der Abgeordneten. Mit der Sanierung sollen nicht nur Mängel beseitigt, sondern das Gebäude „auf die Höhe der Zeit“ gebracht werden: Es soll barrierefrei sein und mehr Interaktion mit den Bürgern ermöglichen. Die teure Sanierung wurde jahrelang aufgeschoben. Geld für Politik gilt nicht als populär. Ab 28. August ist es doch so weit.

Es wird die erste Generalsanierung in der Geschichte des Hauses am Ring sein, das als Reichsratsgebäude im attischen Stil gebaut wurde. Mit dem Bau begonnen wurde 1874, ab 1883 hatte hier der Reichsrat, das Parlament der cisleithanischen Reichshälfte der k. u. k. Monarchie seinen Sitz. Wo heute der Nationalratssitzungssaal ist, befand sich damals der Sitzungssaal des Herrenhauses, dem Oberhaus. Die Zweite Kammer, das Abgeordnetenhaus, hatte zuletzt 516 Mandatare und tagte im heute „historischen Sitzungssaal“. Die Abgeordneten kamen aus den verschiedenen Teilen der cisleithanische Hälfte der Donaumonarchie, noch heute zieren Symbole der 17 Kronländer die Giebel des Gebäudes.

Noch älter als das Gebäudesind einige Schriftstücke, die in der Parlamentsbibliothekaufbewahrt werden. Direktorin Dietrich-Schulz spricht von „zwei ganz besonderen Schätzen“. Das Oktoberdiplom von 1860 und das Februarpatent 1861 gelten als grundlegende Verfassungsurkunden, auf denen der heutige Staat aufbaut. Prunkausfertigungen der beiden Dokumente haben die Mitarbeiter der Parlamentsbibliothek beim Umzug eigenhändig übersiedelt. „So gut sie ist, das haben wir nicht der Firma überlassen“, sagt Dietrich-Schulz.

Die Firma, das ist die Spedition Lang. Das Unternehmen hat bereits Banken und Krankenhäuser übersiedelt und ist verantwortlich dafür, dass die rund 5700 Kartons und 714 Arbeitsplätze dort landen, wo sie hingehören. Das funktioniert über ein Etikettensystem.

Code für Quell-und Zielort

Jedes Möbelstück hat eine Inventarnummer, eine Tranchenziffer und einen Code für Quell-und Zielort. Bisher sei nichts verloren gegangen, sagt Geschäftsführerin Karin Lang. „Von hundert Übersiedlungen, die wir machen, funktionieren zwei so gut wie diese hier“, sagt sie zu Alexis Witoniak, der als Vizedirektor des Parlaments für die Sanierung zuständig ist. Der freut sich über das Lob: „Für unsere Mitarbeiter ist das alles sehr viel Arbeit.“ Die Neuwahl habe den Stress verstärkt.

In dem Gesetz zur Übersiedlung, das einstimmig beschlossen wurde, hat der Nationalrat festgelegt, dass die Sanierung nicht mehr als 352,2 Millionen Euro kosten darf. Die Kosten für Übersiedelung und Übergangsquartiere dürfen 51,4 Millionen nicht übersteigen. Zwar läuft laut Wintoniak derzeit alles nach Plan.

Trotzdem musste die Ausschreibung für die Baumeisterarbeiten widerrufen werden. Der Grund: Alle drei Angebote lagen über der von Ziviltechnikern ermittelten Obergrenze. Zur Frage, ob es Absprachen gab, will Wintoniak sich nicht äußern. In einem „Verhandlungsverfahren ohne Bekanntmachung“ will man mit den drei Bietern jetzt nachverhandeln.

Pünktlich am 7. August öffnet die Parlamentsbibliothek im Ausweichquartier im Palais Epstein. Das Gebäude befindet sich nur ein paar Meter neben dem Parlament und ist unterirdisch mit dem Hauptgebäude verbunden. Schreibtische und Regale stehen schon, die klassischen goldenen Tischlampen mit dunkelgrünen Glasschirmen sind noch in Schutzfolie verpackt. Die Bibliothek ist öffentlich für alle Interessierten zugänglich, Benutzer außerhalb des Parlaments können die Bücher nicht mitnehmen, aber vor Ort lesen und kopieren.

Im Zuge der Übersiedelung wurden tausende Bücher der Bibliothek im Magazin unter der Rampe des Parlamentsgebäudes untergebracht. Insgesamt beherbergt die Bibliothek 360.000 Bücher –würde man sie aneinanderreihen, ergäbe das zwölf Kilometer. „Die Wege vom Palais Epstein ins Magazin sind jetzt länger, aber wir haben weiterhin einen direkten Zugriff und brauchen keine Transportfahrten“, sagt sie. „Die Möbel sind alle aus dem historischen Parlamentsgebäude, die Tische sind original Hansen, die Regale sind Hansen nachempfunden“, sagt Dietrich-Schulz und streicht über das Holz.

Theophil Hansen hat auch das Palais Epstein geplant, und das Parlamentsgebäude selbst wurde nach seinen Entwürfen gebaut. Der dänisch-österreichische Architekt hat die Ringstraßenarchitektur maßgeblich geprägt. Im Parlament mischte Hansen griechische mit römischen Elementen. So zieren griechische Historiker die linke Auffahrtsrampe, römische Kollegen die rechte Seite. Das Parlament tagt ab 16. August im großen Redoutensaal in der Hofburg.

Neben der Parlamentsbibliothek im Palais Epstein gibt es sechsweitere Standorte, die während der Sanierung als Übergangsquartiere –auch Demokratiequartier genannt –dienen. Am auffälligsten sind wohl der „Pavillon Ring“ und der „Pavillon Burg“. Entgegen dem, was man sich unter solchen Namen vielleicht vorstellt, handelt es sich dabei um provisorische, schnörkellose Holzgebäude, die nach dem Baukastensystem errichtet wurden. Der Pavillon Ring beherbergt die SPÖ, der Pavillon Burg die ÖVP.

„Die vielen Standorte des Demokratiequartiers werden unsere Fitness fördern“, sagt Bibliothekarin Dietrich-Schulz. Geht alles nach Plan, dauert die Sanierung des Parlaments bis 2020, dann wird zurück übersiedelt.

Auch der Lesesaal der Bibliothek zieht dann wieder in das Hauptgebäude ein. Bis dahin denkt Dietrich-Schulz aber noch nicht. Sie freut sich jetzt einmal darüber, dass ihre Bibliothek im Gegensatz zu früher für Passanten von der Straße aus zu sehen ist. „Wir hoffen auf mehr Besucher und Aufmerksamkeit aus der Forschung“, sagt sie und eilt davon. Sie muss aus dem Magazin ein Buch für eine Abgeordnete holen.

 

„Der Standard“ vom 05.08.2017

Lisa Kogelnik